Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V.

 




A r c h i v:

Konstitution der Nationalen Kommission für die Polioeradikation

 

Die von der deutschen Bundesregierung mit dem Projekt der Polio-Eradikation bzw. Zertifizierung der Eradikation durch die WHO beauftragte Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) beruft die Mitglieder einer Nationalen Kommission für die Polio-Eradikation.

 

Der Kommission gehören an:

- die Mitglieder des Arbeitskreises Polio-Eradikation

- eine Mitglied des Seuchenausschusses der Konferenz der Gesundheitsminister und Senatoren der Länder

- ein Beauftragter des Bundesministeriums für Gesundheit ein Mitglied der Bundesärztekammer

- ein Mitglied der Ständigen Impfkommission STIKO und je ein Mitglied folgender wissenschaftlicher Gesellschaften:

Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Deutsche Gesellschaft für Virologie

 

Aufgaben der Nationalen Kommission für die Polio-Eradikation:

Die Aufgaben der Nationalen Kommission bestehen in der Festlegung des Ausmaßes des Survey zur Polio-Eradikation sowie in der Begleitung der damit beauftragten Institutionen. Die Nationale Kommission hält zweimal jährlich eine Konferenz ab.

 

Die erste Konferenz fand im Juni 1998 statt. Die Themen der ersten Konferenz waren:

1. Konsensusbildung über Ausmaß der Überwachung bei der Polio-Eradikation

Epidemiologische Erfassung von AFP

Virologische Erfassung von AFP

Enterovirus-Register

Abwasser-Untersuchungen auf Polio-Wildvirus(?)

Erfassung des Durchimpfungsgrades gegen Polio von Migranten (?)

Erfassung des Ausmaßes der möglichen Einschleppung von Polio-Wildvirus durch Migranten (?)

2. Festlegung von

Art und Intensität der Begleitung des Survey

Motivation der Ärzte der Krankenhäuser der Bundesrepublik Deutschland über die Notwendigkeit des Survey

Öffentlichkeitsarbeit in der Fachpresse

3. Festlegung der Dauer der Überwachung

 

Zertifikat über die Poliofreiheit der WHO-Region Europa (21.Juni 2002)

http://www.dvv-ev.de/1kommissionen/Polioradikation/image002.gif

Poster zum Symposium der DVV, April 2002

http://www.dvv-ev.de/1kommissionen/Polioradikation/image003.jpg

 

Zusammenfassender Abschlussbericht an die Regionale Zertifizierungskommission der WHO für die Polioeradikation vom Dezember 2001:

(aus dem Englischen übersetzt)

Polioeradikation in der Bundesrepublik Deutschland

Der letzte Fall einer autochthonen Poliomyelitis in Deutschland trat 1990 auf.

1988 unterzeichnete die deutsche Bundesregierung die Resolution der Weltgesundheitsversammlung über die globale Eradikation der Poliomyelitis. Seit 1997 nimmt Deutschland aktiv an dem Polioeradikationsprojekt teil, unter besonderer Berücksichtigung der AFP-Surveillance und des Laborcontainments. Zur gleichen Zeit wurde die Nationale Kommission für die Polioeradikation gegründet. Basierend auf den Prinzipien und Richtlinien der Globalen Kommission für die Zertifizierung der Eradikation der Poliomyelitis entwickelte die Nationale Kommission Kriterien anhand derer bewiesen werden soll, dass Deutschland frei von autochthonen Poliowildviren ist. Gleichzeitig ist es Aufgabe der Nationalen Kommission, das Ausmaß, in dem diese Kriterien erfüllt wurden, zu beurteilen.

Die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) wurde von der deutschen Bundesregierung zum Projektmanager ernannt. Die DVV ihrerseits delegierte die Umsetzung der notwendigen Aufgaben an das Niedersächsische Landesgesundheitsamt in Hannover und an das Nationale Referenzlabor für Poliomyelitis und Enteroviren am Robert Koch-Institut in Berlin.

Alle Bemühungen sicherzustellen, dass Deutschland als poliofrei bezeichnet werden kann, ruhen auf den folgenden Säulen.

1. Impfung und Impfstatus

2. AFP/Poliomyelitits Surveillance

3. Laborcontainment

 

Ad 1) Impfung und Impfstatus

Auf Grund einer generellen Impfempfehlung für OPV bis zum Jahr 1998 bzw. für IPV seit 1998 ist der Impfschutz bei Kindern ausreichend. Wie bei den routinemäßigen Überprüfungen der Impfausweise im Rahmen der obligatorischen Schuleingangsuntersuchungen gezeigt werden konnte, haben in allen Bundesländern 93 bis 97 % der Kinder einen kompletten Impfschutz gegen Poliomyelitis. Diese jährliche Querschnittsuntersuchung erlaubt es, Lücken im Impfschutz in der Bevölkerung und in einzelnen Individuen zu erkennen, gleichzeitig wird eine direkte Intervention der örtlichen Gesundheitsämter in Form von Auffrischungsimpfungen ermöglicht.

Abschließend kann gesagt werden, dass der Impfschutz der deutschen Kinder seit vielen Jahren auf einem ausreichend hohen Niveau ist, um eine Zirkulation von Poliowildviren sicher ausschließen zu können.

 

Ad 2) AFP/Poliomyelitits Surveillance

Deutschland wählte die AFP-Surveillance als sachgerechtes Überwachungssystem. Angesichts der bekannten Schwierigkeiten der AFP-Surveillance in nicht-endemischen Ländern konnten durchschnittlich in den letzten 3 Jahren ca. 45 % der erwarteten Fälle durch die Nationale Kommission registriert werden. Obwohl die Rate der AFP-Fälle mit angemessenen Stuhlproben unterhalb des WHO-Standards lag, konnte bei allen AFP-Fällen unter 15 Jahre auf Grund der klinischen follow-up-Untersuchungen eine Poliomyelitis ausgeschlossen werden.

Seit 01.01.2001 ist die AFP-Surveillance mit dem Infektionsschutzgesetz und der darin enthaltenen Meldung zur Poliomyelitis (Verdacht, Erkrankung, Tod) verknüpft. Im Falle eines Verdachtes einer Poliomyelitis werden alle Ebenen des öffentlichen Gesundheitswesens bis hin zur WHO sofort informiert, wodurch ein promptes Reagieren der entsprechenden Fachkräfte auf internationaler, nationaler und subnationaler Ebene ermöglicht wird.

 

Zusätzlich ist zu hoffen, dass sich die AFP-Rate auf Grund des neuen Infektionsschutzgesetzes in Zukunft erhöhen wird.

Abschließend kann gesagt werden, dass die Bemühungen das AFP-Surveillancesystem zu vervollständigen und ein optimales Funktionieren sicher zu stellen, fortgeführt werden.

 

Ad 3) Laborcontainment

Durch eine Anfrage bei verschiedenen Institutionen und wissenschaftlichen Vereinigungen konnte eine Datenbank mit über 3.500 Adressen von Laboren erstellt werden, die in das Laborcontainmentprojekt einbezogen werden müssen. In einem ersten Anschreiben an all diese Labore in dem nach der Lagerung von Material, das möglicherweise Poliowildviren enthalten könnte, gefragt wurde, haben bisher 40 % der Angeschriebenen geantwortet. Bisher erklärten 25 Labore, dass sie infektiöses Material diese Art lagerten. Insgesamt werden etwa 50 bis 60 Labore erwartet, die Material lagern, das Poliowildviren enthalten könnte. In einem nächsten Schritt muss dann entschieden werden, ob dieses Material zerstört oder unter strengen Sicherheitsbedingungen weiterhin gelagert werden kann.

Abschließend kann gesagt werden, dass das Laborcontainmentprojekt, das Anfang 2001 gestartet wurde, in Übereinstimmung mit dem festgelegten Zeitplan durchgeführt werden konnte. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Laborcontainmentprojekt im Laufe des Jahres 2002 erfolgreich abgeschlossen sein wird.

 

Unter Berücksichtigung all der zuvor geschriebenen Errungenschaften zum gegenwärtigen Stand der Vorbereitungen für die Polioeradikation, kommt die Nationale Kommission für die Eradikation der Poliomyelitis in Deutschland zu der Überzeugung, dass zurzeit

- keine Poliowildviren in Deutschland zirkulieren

- die Bevölkerung gut gegen importierte Poliowildviren geschützt ist

- eine ausreichend gute Surveillance besteht, die auch eine prompte Intervention erlaubt

- das Laborcontainment erfolgreich angelaufen ist und gemäß den Empfehlungen der WHO umgesetzt wird.

Zusammenfassend sind die Mitglieder der Nationalen Kommission der festen Überzeugung, dass zumindest in den letzten 3 Jahren in Deutschland keine autochthone Zirkulation von Poliowildviren auftrat.

 

Pressemitteilung der DVV

(anlässlich des DVV-Symposiums "Polioeradikation in Deutschland" Berlin 2002)

Die WHO hat sich 1988 das hohe Ziel gesteckt, die Poliomyelitis in einem absehbaren Zeitraum weltweit auszurotten. Die entscheidende Voraussetzung dafür war das Vorhandensein eines wirksamen Impfstoffes, der als „Schluckimpfung“ verabreicht werden konnte und so einfach auszusenden war. Die Impfung, die 1960 in der DDR und 1962 im Bundesgebiet eingeführt wurde, bewirkte einen dramatischen Rückgang der Erkrankungszahlen. Der letzte autochthone Poliomyelititis-Fall ist in unserem Lande 1990 aufgetreten. Damit Deutschland als poliofrei gelten kann, muss nun durch ein geeignetes System der Überwachung nachgewiesen werden, dass tatsächlich keine Polioviren mehr zirkulieren. Gut geeignet für ein solches Surveillance-System ist die Erfassung und Abklärung aller Fälle von akut auftretenden schlaffen Lähmungen (acute flaccid paralysis, AFP) bei Kindern unter 15 Jahren. Solche Lähmungen sind typisch für eine Poliomyelitis, sie können aber auch durch andere Viren hervorgerufen werden.

Nachdem sich Deutschland 1997 dem Eradikationsprogramm angeschlossen hatte, wurde die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. (DVV), die 1954 vor allem zur Bekämpfung der Poliomyelitis im Lande gegründet worden war, von der Bundesregierung zum Projektmanager ernannt. Die neugebildete Nationale Kommission zur Polioeradikation erarbeitete anhand der Richtlinien der Globalen Kommission die für die Zertifizierung der Ausrottung der Poliomyelitis notwendigen nationalen Kriterien. Das Niedersächsische Landesuntersuchungsamt in Hannover wurde beauftragt, eine Zentrale Erfassungsstelle für die Polioeradikation zu bilden und gemeinsam mit dem Nationalen Referenzzentrum für Polio und Enteroviren am Robert Koch-Institut die AFP-Surveillance zu betreiben. Die Praxiseinführung des Überwachungssystems war schwierig, so dass die Erfassungsrate mit etwa der Hälfte der zu erwartenden AFP-Fälle relativ niedrig ist.

Eine weitere Voraussetzung dafür, dass Deutschland als poliofrei bezeichnet werden kann, ist der Impfstatus der Bevölkerung. Auf Grund der generellen Impfempfehlung ist der Impfschutz bei deutschen Kindern seit vielen Jahren auf einem ausreichend hohen Niveau, um eine Zirkulation von Polio-Wildviren sicher ausschließen zu können.

Der gegenwärtige Stand der Polio-Eradikation in Deutschland lässt sich wie folgt beschreiben:

- Es zirkulieren in Deutschland keine Polio-Wildviren

- Die Bevölkerung ist durch Impfung gut gegen importierte Polio-Wildviren geschützt

- Es besteht eine akzeptable Surveillance, die im Falle von Erkrankungen auch ein schnelles Handeln erlaubt

Die Poliomyelitis ist damit nach den Pocken die zweite folgenschwere Virusinfektion, die durch Impfung in absehbarer Zeit weltweit ausgerottet werden kann. Das unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit einer konsequenten Umsetzung nationaler Impfprogramme und die Verantwortung, die alle diejenigen tragen, die in der Öffentlichkeit die Impfung thematisieren. Vor allem die Förderung der Prävention durch Impfung als Gesundheitsziel in Deutschland von Seiten des Gesetzgebers trägt entscheidend dazu bei, auch zukünftig günstige Bedingungen für die Zurückdrängung bzw. Eradikation weiterer Infektionskrankheiten zu schaffen.