Zur Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln bei Auftreten von akuter Hepatitis unbekannter Ätiologie (non-A bis E) bei Kindern
Stand: 03.05.2022
Hintergrund
Seit einiger Zeit wird über Hepatitis-Fälle bei Kindern berichtet, die nicht auf die bekannten Hepatitis-Viren (A, B, C, D und E) zurückzuführen sind.
Die WHO meldete bis zum 23. April 2022 weltweit (Europa, Vereinigtes Königreich, USA, Israel) mindestens 169 Fälle akuter Hepatitis unbekannter Ätiologie bei Kindern im Alter zwischen 1 Monat und 16 Jahren. Allein aus Schottland wurden 10 Fälle bei Kindern unter 10 Jahren berichtet (9 davon im März 2022; Hintergrundrate 7–8 Fälle/Jahr). Bis zum 25. April 2022 wurden im Vereinigten Königreich insgesamt 114 Fälle identifiziert.
Typische Symptome sind Ikterus mit Gelbfärbung der Sklera. Weitere häufige, unspezifische Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, heller Stuhl, Bauchschmerzen und Durchfall. In schweren Fällen kann es zu Leberversagen kommen. Eine Lebertransplantation war bisher in 17 Fällen notwendig; mindestens ein Kind verstarb. Täglich kommen neue Fallberichte hinzu, überwiegend bei Kindern unter 5 Jahren.
Insgesamt ist das Erkrankungsbild bislang selten. Ob und in welchem Ausmaß eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung stattfindet, ist derzeit unklar. Auf Basis der aktuellen Daten lässt sich das Risiko für Kinder in Europa nicht abschätzen. In Deutschland wurde bislang ein Fall gemäß WHO-Falldefinition übermittelt.
Hinweise zur Meldepflicht in Deutschland
Gemäß RKI sollen Fälle von akuter Hepatitis oder Leberversagen bei Kindern bis 16 Jahren mit unklarer Ursache und Serumtransaminasen (GOT/GPT) > 500 IU/L nach § 6 Abs. 1 IfSG gemeldet werden. Ein aktualisierter Meldebogen ist online verfügbar.
Hinweise auf eine Beteiligung von Adenoviren
In mindestens 74 der 169 Fälle wurden Adenoviren nachgewiesen; in 18 Fällen der Serotyp 41F. In 20 Fällen lag zusätzlich ein positiver SARS-CoV-2-Nachweis vor, bei 19 Kindern bestand eine Koinfektion mit Adenovirus und SARS-CoV-2.
Da nicht bei allen erkrankten Kindern die gleiche Diagnostik einschließlich Typisierung durchgeführt wurde, sind diese Angaben mit Vorsicht zu bewerten. Aktuell wird ein Zusammenhang mit einer Adenovirus-Infektion vermutet. Die Ursachenforschung läuft weiter.
Eigenschaften der Adenoviren
Adenoviren sind unbehüllte doppelsträngige DNA-Viren. Mehr als 50 serologische Subtypen sind bekannt, die – häufig typenabhängig – Symptome im Bereich des Respirationstrakts, des Gastrointestinaltrakts oder der Augen verursachen.
Charakteristisch sind antennenartige Fiberproteine. Adenoviren weisen eine hohe Umweltstabilität auf und können bei Raumtemperatur unter Umständen über Wochen bis zu drei Monate infektiös bleiben.
Die Übertragung erfolgt hauptsächlich durch direkten Kontakt (Tröpfchen, Aerosole) sowie indirekt über kontaminierte Flächen, Gegenstände oder Flüssigkeiten. Schmierinfektionen spielen insbesondere bei der Adenovirus-Konjunktivitis eine Rolle.
Schwere Verläufe mit Organbeteiligung einschließlich Leber sind selten und bislang vor allem bei immunsupprimierten Personen beschrieben.
Prävention und Kontrolle der Übertragung von Adenoviren
Impfung
Eine Impfung gegen Adenoviren ist in Deutschland derzeit nicht verfügbar. Unabhängig davon ist auf einen vollständigen Impfschutz gemäß STIKO-Empfehlungen, einschließlich COVID-19, zu achten.
Basishygiene
Da Ätiologie und Übertragungswege dieser Hepatitis unklar sind, sind allgemeine Hygienemaßnahmen essenziell. Dazu zählen Nies- und Hustenetikette sowie konsequente Händehygiene. Das Tragen von Einmalhandschuhen, z. B. im Wickelbereich von Betreuungseinrichtungen, ist eine wichtige Präventionsmaßnahme.
Sollte ein Zusammenhang mit Adenoviren bestehen, ist insbesondere im Kontakt mit Erkrankten sowie bei möglicher fäkal-oraler Übertragung von einem erhöhten Infektionsrisiko auszugehen.
Desinfektion
Zu den zentralen Maßnahmen zählen Hände- und Flächendesinfektion.
Für die Desinfektion sind Produkte mit dem Wirkspektrum „begrenzt viruzid PLUS“ auszuwählen. Dieses umfasst auch behüllte Viren wie SARS-CoV-2. Das Wirkspektrum „begrenzt viruzid“ allein reicht gegen Adenoviren nicht aus.
Alternativ können „viruzide“ Desinfektionsmittel eingesetzt werden, die sowohl behüllte als auch unbehüllte Viren erfassen.
Entscheidend ist nicht ein bestimmter Wirkstoff, sondern der herstellerunabhängige Wirksamkeitsnachweis für das erforderliche Wirkspektrum. Als Grundlage für die Auswahl eignet sich die VAH-Liste, da dort jedes Produkt unabhängig bewertet wird.
VAH-zertifizierte Konzentrations-Zeit-Relationen für Desinfektionsmittel mit dem Wirkspektrum „begrenzt viruzid PLUS“ bzw. „viruzid“ sind bei vorschriftsmäßiger Anwendung wirksam gegen Adeno-, Noro- und Rotaviren sowie gegen SARS-CoV-2 und andere behüllte Viren.
Allgemeine Aussagen zur Wirksamkeit einzelner Wirkstoffe (z. B. Chlor) ersetzen keine produktspezifische Bewertung.
Hinweise
Informationen zur korrekten Durchführung der Händedesinfektion sowie zur Handhabung von Kitteltaschenflaschen:
https://vah-online.de/de/wissenschaft-praxis#faqzuranwendung
Informationen zur Händewaschung:
https://hygiene-tipps-fuer-kids.de/poster
Kostenfrei zugängliche VAH-Desinfektionsmittel-Liste (Filter nach Wirkspektrum möglich):
